Da singt einer ein Lied für uns
Begemann kennen, heißt Begemann lieben«, bekennt der »Stern«, »der beste Entertainer weit und breit« urteilt »Spiegel Online«: Überfällige Würdigungen. Bernd Begemann versorgt seit 1987 deutschsprachigen Pop mit frischen Ideen erst als Sänger von Die Antwort, dann solo als elekrischer Liedermacher und jetzt mit seiner neuen Band Die Befreiung. »Endlich« heißt das dazu passende Album, dessen Songs nur unromantisch veranlagte Menschen für Schlager halten können.
Bernd Begemann versorgt seit 1987 deutschsprachigen Pop mit frischen Ideen. Gunther Reinhardt sprach mit Bernd Begemann, der nur dann nicht ehrlich ist, wenn er sagt, dass er nichts zu sagen hat.
Begemann, Jahrgang 1962, der im NDR schon eine eigene Sendereihe hatte (»Bernd im Bademantel«), erzählt auf der neuen, an Aztec Camera erinnernden Platte Geschichten vom Ende der Liebe, vom Traum vom Glück und im Duett mit dem früheren Echt-Sänger Kim Frank von den Vorteilen, zweite Wahl zu sein (»Bis du den richtigen tiffst, nimm mich«). Gunther Reinhardt sprach mit Bernd Begemann, der nur dann nicht ehrlich ist, wenn er sagt, dass er nichts zu sagen hat.
GEA: Ich möchte das Interview mit einem Foto, das Kim Frank von dir gemacht hat, bebildern. Das heißt ich habe wenger Platz für den Text. Wir müssen versuchen, uns kurz zu fassen.
Begemann: Ein Glück. Dann fliegt und fällt nicht auf, dass ich gar nichts zu sagen habe. (lacht)
GEA: Dabei giltst du als einer der wortgewandtesten deutschen Musik-Entertainer. Aber auch als Institution des guten Geschmacks. Kein Popmusiker hierzulande kleidet sich so stilvoll wie du.
Begemann: Es ist verrückt in Deutschland. Wenn man einen ganz schlichten Anzug anhat, ist man schon total overdressed.
GEA: Was macht guten Stil aus?
Begemann: Ich glaube ich bin der letzte der Stiltipps geben könnte. Vielleicht: »Versucht doch einfach, nicht wie Schluffis auszusehen!« Ich selbst wäre gerne besser gekleidet, muss ich zugeben. Ich verbreite gern diese Aura von Klasse und zeitlosem Dandytum, aber nachdem ich mich drei Minuten bewegt habe, schwitze ich wie ein Schwein. (lacht) Aber einige Frauen sagen mir, dass das auch gut kommt, wenn ich schwitze. Bitte, das könnt ihr bei mir reichlich haben!
GEA: Als ich dich zuletzt in Freiburg gesehen habe, hast du das Stück »Freiburg« von Tocotronic gespielt. Am Dienstag trittst du in Tübingen auf. Gibt es ein Lied, das du für Tübingen spielen könntest?
Begemann: Da müsste man wahrscheinlich irgendein Lied covern, das Dieter Thomas Kuhn mal gecovert hat.
GEA: Der hat ja auch mal ein Begemann-Stück gespielt.
Begemann: Das stimmt, aber er hat es nicht aufgenommen, weil er gemeint hat, Deutschland sei noch nicht bereit dafür. (lacht)
GEA: Mir hat er erzählt, dass er fand, dass das Lied bei dir zwar richtig gut, bei ihm aber einfach nur schmalzig klang.
Begemann: Das ist ja interessant. Ist das nicht ein tolles Kompliment?
GEA: Ich glaube, so war es auch gemeint.
Begemann: Also, ich finde, dass ist das netteste Kompliment, dass ich je bekommen habe. Das sollte dir die Augen öffen, was ich sonst für Komplimente kriege. Wie zum Beispiel. »Du hast nen ganz guten Arsch!« (lacht)
GEA: Auch schön.
Begemann: Nee, das sind so Sub-Komplimente.
GEA: Auf seiner letzten Tour hat Dieter Thomas Kuhn sich dann doch getraut »Aber du meine Liebste«, einen ganz frühen Begemann-Song, zu spielen.
Begemann: Stimmt, das ist klasse. Wenn Dieter Thomas Kuhn den Song spielt, ist klar, dass das Lied zu den großen deutschen Lovesongs gehört.
GEA: Leider hat Kuhn nach der Tour seiner Karriere erstmal beendet.
Begemann: Ja, da habe ich einen Advokaten verloren.
GEA: Apropos Schlager. Wenn du die Auswahl hast, mit Rex Guildo oder Robbie Williams verglichen zu werden. Welcher Vergleich tut weniger weh?
Begemann: Was Rex Guildo betrifft: Ich wäre, glaube ich, nicht Mann genug, aus dem Fenster zu springen. Solche Schnullis wie Nick Cave oder dieser fürchterliche Pearl-Jam-Sänger singen dauern darüber, wie toll es ist tot zu sein und über Selbstmord. Und wer ist Mann genug, um es zu tun: Rex Guildo. Und wer lebt immer noch und stinkt vor sich hin: Der Pearl-Jam-Sänger und dieser Nick-»Ich- habe- dauernd- Bibelzitate- weil- ich- so- anspruchsvoll- und- tief- in- meinen- Songs- bin«-Cave. Typisch.
GEA: Und Robbie Williams?
Begemann: Er hat ne bessere Figur als ich. Hmm. Naja, er hat so ne gewisse Art von selbstironischen Exzess und eine Scheiß-drauf-Spaß-Haltung auf der Bühne, die ich auch sehr nützlich finde, wenn man live arbeitet.
GEA: Ihr werdet beide als große Entertainer gehandelt.
Begemann: Ja, die zitierfähigsten Presse-Clippings über mich sind immer die über meine Entertainment-Künste. Wobei ich sagen muss, dass das die Leute ruhig glauben sollen, aber meine eigentliche Arbeit eine andere ist und zwar das Erstellen einer Literatur (lacht). Aber wenn das Leuten nicht auffällt, finde ich das gar nicht so schlimm.
GEA: Dann gefällt es dir wahrscheinlich besser, mit Buddy Holly verglichen zu werden.
Begemann: Naja, ich glaube Buddy Holly war 23 als er starb und hat dieses Werk hinterlassen. Einmal im Jahr muss ich Buddy Holly hören, um mich innerlich zu reinigen. Diese Schlichtheit, diese guten Emotionen, das ist natürlich herrlich. Wer weiß, was er noch alles geschrieben hätte, wenn er älter geworden wäre.
GEA: Die Leute, die dein Tübinger Konzert veranstalten, bezeichnen dich als »The Godfathers der Hamburger Schule«. Fühlst du dich damit treffend beschrieben?
Begemann: Ja und nein. Die meisten Protagonisten der Hamburger Schule würden nicht abstreiten von mir inspiriert zu sein auf die eine oder andere Art. Aber so vieles was so stilistisch als die Ecksteine der Hamburger Schule gelten muss, lehne ich komplett ab. Also das Allzu-Zitatige, das Allzu-Schlagwortbenutzende, Zeitproblematisieren und im Grunde auch das Labyrinthische, Essayistische. Da ist irgendwo dieses große, düstere System am Wirken, das unser Leben umklammert. Das ist eine Philosophie, die ich absolut lächerlich finde. Das musste ich gestern auch mal sagen, als so ein paar Ton-Steine-Scherben-Fans auf meinem Konzert waren. Ich musste ihnen einfach sagen: »Es gibt kein böses Schweine-System. Es ist nur in euren verrückten Köpfen. Damit schlimme Dinge passieren, brauchst du kein böses, faschistoides, geheimes System, das sich irgendwie verschworen hat wie bei »Akte X«, sondern es reichen einfach nur normale Leute dazu, damit Dinge furchtbar werden.« Und die waren echt sauer. Das ist, wie wenn man netten Landbewohnern, den lieben Gott, die Bibel und den Rosenkranz wegnimmt.
GEA: Stimmt, du hast ihnen die Religion gestohlen. Das ist böse.
Begemann: Das ist ist Religion für viele, die sich fortschrittlich halten. Die haben im Grunde diesen Kinderglauben an das böse System. Das ist so verrückt. Na, egal.
GEA: Es wird ja gerade nach dem Erfolg von neuen Bands wie Wir sind Helden oder Virginia Jetzt! schon von einer neuen Neuen Deutschen Welle gesprochen. Siehst du das auch so. Und wenn ja, freust du dich darüber?
Begemann: Tja, es singen gerade sehr viele Leute auf Deutsch und sind alle sehr flippig. Und wenn irgendwas durchkommt in den Medien, dann ist es irgendwie im Achtziger-Jahre-Stil, weil diejenigen, die man als Gatekeeper bezeichnet im Kulturbetrieb in den Achtzigern sozialisiert wurden. Und wenn irgendwas klingt wie die Achtziger dann finden die: »Ja, geil, das ist so modern.« (lacht) Weil das noch immer ihre Vorstellung von Modernität ist, wenn ne Achtelgitarre hast und wenn man ganz schnell stakkatomäßig irgendwas singt über was ihm im Supermarkt passiert ist oder so.
GEA: Findest du dann, das, was im Deutsch-HipHop-Bereich passiert, spannender?
Begemann: Ich muss sagen, der Freestyle von so Leuten wie Bo von Fünf-Sterne-Deluxe oder von MC René oder die Platten von Fettes Brot. Das sehr viel zur Entkrampfung beigetragen. Das Problem vom HipHop ist aber, dass er ständig um seinen eigenen Arsch kreist. HipHopper machen meistens Songs darüber, wie gut sie sind und darüber, was HipHop wirklich ist. Und wenn mal was anderes geht, wie bei dem Hit von den Massiven Tönen über dieses Autofahren-Ding, dann wird's so doof. Den bescheuerten Massiven Tönen ist es auch zu verdanken, dass der deutsche HipHop alles, was er dem amerikanischen HipHop voraus hatte, nämlich einen gewissen Anti-Sexismus zum Beispiel, dass das jetzt wieder weg ist. Die haben dieselben Auswüchse wie in amerikanischen HipHop-Sachen, nämlich Titten am Whirlpool. Damit all die Jugendlichen wissen, wozu es sich zu leben lohnt.
GEA: In einem Song von dir heißt es, dass du »kein Glück im Osten« hast?
Begemann: Hab ich so gesungen. Ich muss aber inzwischen sagen, dass in Ostdeutschland die Leute sehr höflich sind. Die hören eher zu. Im Westen passiert es öfter, dass da so »Abi 99«-Spackos rumnerven, weil sie denken, sie wären jetzt absolut frei. Und dann muss ich sie rauswerfen, manchmal schubse ich sie, manchmal gebe ich ihnen Geld, damit sie verschwinden. Im Osten passiert das fast nie, da sind die Leute sehr interessiert. Die denken: »Wenn ich schon mal hier bin, wenn ich schon mal ausgehe und jemand singt ein Lied für mich, dann hör ich auch zu.« Das ist die richtige Einstellung!
GEA: Jetzt trittst du wieder mit Band auf. Geht da das Spontane deiner Soloshows verloren?
Begemann: Eben nicht. Ich wollte die ganze Zeit größere Shows machen. Und ich will, dass die Leute tanzen von vorne bis hinten. Die meisten Konzerte, auf die ich als Zuschauer gehe, langweilen mich aber sehr, weil ich sehe, dass die Bandmitglieder da ihre computergedruckte Setliste liegen haben und dann erlebe ich, dass sie es auf der Bühne genauso spielen, wie sie es geprobt haben. Öde, öde, öde. Ich wusste lange nicht, was man dem entgegensetzen kann, bis ich diese wunderbaren drei Musiker traf. Wir haben keine Setliste. Wir haben jetzt acht Konzerte gespielt und bei jedem Konzert haben wir drei, vier Lieder gespielt, die wir nicht geübt haben. Und sie klangen natürlich trotzdem toller als alles, woran die Konkurrenz ein Jahr lang proben würde.
GEA: Das heißt ihr habt ein Riesen-Repertorie.
Begemann: Sehr richtig. Ich hatte anfangs Angst, dass die das irgendwie umhaut. So: »Ihr lernt die neue Platte, ihr lernt ganz neue Lieder und aus meinem Repertoire lernt ihr auch no so vierzig Lieder.« Und da dachte ich, jetzt habe ich meine Band wieder verloren. Doch die meinten: »Super! Noch was?« Solche Musiker brauche ich natürlich.
Quelle: http://www.gea.de