Du und viele von deinen Freunden

Viele Musiker sollten sich darauf beschränken, das zu machen, was sie am Besten können: Musik. Wenn sie anfangen über Anderes zu reden, kommt oft weniger Informatives dabei raus. Ich sagt nur Stichwort Kim Frank bei Harald Schmidt: "Taliban? Ich weiß gar nicht, wo das liegt." Vielleicht liegt das Problem auch gar nicht bei den Musikern. Die Antwort von Kim Frank hätten vermutlich 50% der Deutschen gegeben – nur dass die Gott-sei-Dank niemand fragt. Vielleicht liegt es auch an den dummen Journalisten, die meinen von Leuten schlauere Antworten zu bekommen, weil sie in der Öffentlichkeit stehen. Astrid Vits macht es in ihrem Buch Du und viele von deinen Freunden richtig. Sie interviewt 34 deutsche Bands und Solokünstler zum einzigen Thema, zu dem jeder etwas Fundiertes erzählen kann: Sich selbst.

Sie fragt all die Sachen, die in normalen Interviews zu kurz kommen. In meisten Musikmagazinen ist für deutsche Bands auf höchstens einer großzügig gelayouteten Seite kaum mehr Platz um zu fragen, wieso denn das neue Album "Rektalmassaker" heisst. Informationen also, die keinem nützen. Astrid Vits gibt den Musikern die Zeit und den Platz über sich zu erzählen. Über ihre Geschichte, ihren Werdegang, über die Hindernisse auf dem Weg zum Ruhm und über die ganz großen und die ganz kleinen Momente. Jan Plewka (Ex-Selig, Zinoba, Tempeau) erzählt von seiner Zeit nach Selig und von seinen Töchtern. Thees Uhlmann (Tomte) vom Tod seines Hundes. Bernd Begemann lässt sich über Frauen mit Rock über der Hose aus. Auf über 500 Seiten ist Platz genug, um die Menschen hinter Musik kennenzulernen. Astrid Vits hat die Interviews nicht gekürzt oder geschönt, was jeden Text zu einem eigenen Besuch im Hause des Künstlers macht.

Ein besonderer Fokus der Gespräche liegt auf den speziellen Herausforderungen des deutschen Musikbusiness und der Tatsache auf deutsch zu singen. Das Bild, das dabei entsteht, lässt sich schwer in Worte fassen – die Entscheidung deutsch zu singen hat jedenfalls nichts mit der Deutschtümelei zu tun, deren Gefahr ja vor allem Blumfeld mit allen Mitteln bekämpfen. Wie nicht anders zu erwarten sind die natürlich auch nicht in diesem Buch zu finden. Gott-sei-Dank fehlen auch Tocotronic. Von denen hat man ja in Interview noch keinen schlauen Satz gehört (Pose?).

Astrid Vits‘ Gesprächspartner sind: Wir sind Helden, MIA., Virginia Jetzt!, Sportfreunde Stiller, Tomte, 2raumwohnung, Bernd Begemann, Die Sterne, Niels Frevert, Kettcar, Angelika Express, Paula, Nova International, Kante, Samba, Astra Kid, u.a.

Links:
Du und viele von deinen Freunden, Astrid Vits
Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag, Berlin

KategorienAllgemein

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.