Biografie

Ein­schluss­lö­cher und Dosenbier

Ende der 70er schwappt die Punk­welle nach Deutsch­land und Bernd läuft als 15jähriger Punk durch seine Hei­mat­stadt Bad Sal­zu­flen mit selbst­ein­ge­brann­ten „Ein­schuss­lö­chern“ im Hemd. Auch wenn man die Punk­wur­zeln nur sel­ten her­aus­hört, ent­wi­ckelt sich hier auf jeden Fall Bernd Ein­stel­lung zur Musik:

Ich mache nur Musik, weil nie­mand für mich spre­chen kann. Das kann nur ich selbst tun! […] Punk heißt näm­lich gar nicht Dosen­bier trin­ken und in die Fuß­gän­ger­zone kot­zen.“ (Play­Girl 297)

Vati­kan

Seine erste Band 1979 war dann natür­lich auch eine Punk­band mit dem äußerst rebel­li­schen Namen „Vati­kan“ – Beset­zung: Bernd Bege­mann, Frank Jakobs (spä­ter „Out of Order“ & „Time Twis­ters“) und Mar­tin Stamm­eier (Drum­mer diver­ser lip­pi­scher Heavybands)

Auf dem Foto rechts sieht man Vati­kan Live auf dem Salz­sie­der­fest in Bad Sal­zu­flen im Mai 1980 an der Ecke Koch­löf­fel /​Cafe Bege­mann spiel­ten Bernd Bege­mann, Frank Jacobs, Mar­tin Stammeier.

Bad Sal­zu­flen (Fast) Weltweit

1985 gegrün­de­ten ein paar Men­schen in Bad Sal­zu­flen, Ost­west­fa­len, das Pop-​Label „Fast Welt­weit“. Mit dabei war Frank Spil­ker, der dann mit ”Die Sterne” bekannt wurde, aber auch Michael Girke, Achim Knorr, Andreas Hen­ning und Frank Werner.

Fast Welt­weit wurde ein Kris­tal­li­sa­ti­ons­punkt einer klei­nen Musik­szene in der ost­west­fä­li­schen Pro­vinz und brachte ein paar Sin­gles und Kas­set­tensam­pler raus.

Zwi­schen meh­re­ren Run­den Kicker beschlie­ßen Die Time Twis­ters mit Gleich­ge­sinn­ten die Grün­dung eines Plat­ten­la­bels für Gitar­ren­pop­bands mit deut­schen Tex­ten, weil es sonst nie­mand machen will (Fast Welt­weit)! Damals, in der Nach-​NDW– Zeit, inmit­ten eines 60ies Revi­vals, eine Art revo­lu­tio­nä­rer Akt. Mit­tä­ter im enge­ren Füh­rungs­zir­kel waren u.a. Frank Wer­ner, Frank Spil­ker, Michael Girke, Bernd Bege­mann, Ber­na­dette Hengst und Jochen Distel­meier. Time Twis­ters Home­page – The Story so far

Ganz in der Nähe, in Bie­le­feld wohnte damals auch Jochen Distel­mey­ers, der spä­ter mit Blum­feld bekannt wer­den sollte. Der kam etwa 1987 zu Fast Welt­weit. Er tat sich zusam­men mit Tho­mas Wen­zel, der spä­ter bei „Die gol­de­nen Zitro­nen“ und „Die Sterne“ spielte und brachte als „Bie­nen­jä­ger“ ein paar Songs heraus.

Die erste Sin­gle von „Die Sterne“ erschien bei Fast Welt­weit. und Ber­na­dette Hengst mit Ihrer Band „Die Braut haut ins Auge“ gehört eben­falls zum enge­ren Dunst­kreis von „Fast Weltweit“:

Ange­fan­gen hatte alles mit Bernd Bege­mann, Michael Girke und Frank Wer­ner. Diese drei sind fünf Jahre älter als alle ande­ren, also auch als Frank Spil­ker und Jochen Distel­meyer. Sie kamen eher aus der Punk­rock– und New-​Wave-​Szene, die Neue Deut­sche Welle war vor­bei. Sie rea­li­sier­ten: Die­ses Zeit­fens­ter hat­ten sie ver­passt. An Marius Müller-​Westernhagen oder Udo Lin­den­berg woll­ten sie sich aber auch nicht ori­en­tie­ren. Sie woll­ten in einer eige­nen Spra­che Lie­der schrei­ben. Der Stil, der in Bad Sal­zu­flen ent­stand, und der somit prä­gend wer­den sollte für Bands wie Die Ant­wort, Blum­feld, Der Fremde, Die Sterne und letzt­lich auch mich, defi­nierte sich durch Aus­schluss­kri­te­rien: nicht NDW, nicht Deutsch­punk, nicht Deutsch­rock, nicht Fun­punk. Anders gesagt: Was bleibt übrig, wenn man gerne Elvis Costello, The Jam oder The Smiths hört und die eigene Lebens­wirk­lich­keit in deut­schen Klein­städ­ten stattfindet?

Zeit­gleich gab es Die Gol­de­nen Zitro­nen in Ham­burg, die Ein­stür­zen­den Neu­bau­ten in Ber­lin oder die Kolos­sale Jugend aus Pin­ne­berg, die sich eben­falls an der Mög­lich­keit einer Post-​NDW-​Sprache abar­bei­te­ten. Ende der Acht­zi­ger zogen dann alle nach Ham­burg, und die Kar­ten wur­den neu gemischt. In Ham­burg ent­stand mit der Grün­dung etli­cher Bands das, was dann spä­ter von außen als ‘Ham­bur­ger Schule’ bezeich­net wer­den sollte.“ — spex​.de

Dabei ging es vor allem um eines: „Radikal-​peinliche Lie­bes– und Hei­mat­ly­rik. Ver­schenk­tes Leben in der Groß­stadt und alle Facet­ten der Zwei­sam­keit wer­den peni­bel durch­ge­reimt beleuch­tet. Wenn man nicht die Ehr­lich­keit bei jedem Ton spü­ren würde, wäre es Schla­ger.“ (Hol­ger Schmitz). Und das alles musi­ka­lisch ange­lehnt an den eng­li­schen „Tea Time Pop“ der 80er Jahre ! –yeti​-net​.de

Frank Wer­ner: „Ich will ja nicht nör­geln, aber Fast Welt­weit wurde nicht von Bernd gegrün­det… aber ohne Bernd hätte es Fast Welt­weit bestimmt nicht gege­ben… Zum Zeit­punkt der Welt­weit­grün­dung hatte er bereits einen Deal mit der Ant­wort; bzw. die Dinge waren in Vor­be­rei­tung… er hat uns damals ein biß­chen vor­ge­lebt was mit viel Ener­gie alles mög­lich sein könnte… ohne gleich den wohl­wol­len­den Men­tor raus­hän­gen zu las­sen… „
(„Frank Wer­ner in ‘Hand­buch Jugend und Musik’“; Hsg: Die­ter Baa­cke, bei Leske + Bud­rich, Opla­den 1998)

Michael Girke: bin der­je­nige, der die­sen Namen [„Fast Welt­weit“] erfun­den hat und mit zwei, drei ande­ren Leu­ten, soweit ich mich erin­nern kann, ich hoffe, ich sage die Wahr­heit, bin ich es gewe­sen, der irgend­wann die Idee gehabt hat, sich mit die­sen Leu­ten in einer Kneipe zusam­men zu fin­den, um erst­mal zu ent­de­cken, was man gemein­sam hat, um sich viel­leicht zu unter­stüt­zen und nicht allein dazu­ste­hen viel­leicht (geho­bene und ver­stellte Stimme) gegen eine große, böse Welt. Son­dern, daß man gewisse Män­gel, die jeder hat, in einem Ver­bund eben auf­fan­gen, aus­glei­chen und viel­leicht sogar in Stärke umwan­deln kann, also erst ein­mal einen Inter­es­sen­ver­band zu haben.“ (zit.: Wer­ner, F.,1988, Inter­view Michael, S. 51)
(„Frank Wer­ner in ‘Hand­buch Jugend und Musik’“; Hsg: Die­ter Baa­cke, bei Leske + Bud­rich, Opla­den 1998)

Inter­view mit Jochen Distel­meyer

[…]
Head­spin: Eigent­lich nur ziem­lich wenig, ein paar ein­zelne Songs, aber viel­leicht kannst Du mal erzäh­len, wie das damals alles so war, mit dei­ner alten Band Bie­nen­jä­ger, Bad Sal­zu­flen und dem omi­nö­sen fast weltweit-​Label…

Jochen: Ich glaube gegrün­det haben das Michael Girke und Bernd Bege­mann zusam­men, wobei Bernd sich dann eigent­lich auch gleich wie­der aus die­sem Zusam­men­hang ver­ab­schie­det hat, weil er in Ham­burg mit seine Band „Die Ant­wort“ bei einer Major Com­pany Musik machen wollte. Sonst waren von Anfang an dabei: Frank Spil­ker von den Ster­nen, Achim Knorr als Der Fremde, die Time Twis­ters, ich bin eigent­lich erst zwei Jahre spä­ter durch einen Arti­kel in der Spex auf die auf­merk­sam gewor­den. Die kamen ja alle aus Bad Sal­zu­flen /​Her­ford und ich komme aus Bie­le­feld, von daher hatte ich nicht so die direkte Ver­bin­dung zu den Leu­ten und als ich das da gele­sen hatte, habe ich die kon­tak­tet weil das schon ziem­lich nach dem klang, was mich so inter­es­siert hat zu der Zeit und wo sich in Bie­le­feld rela­tiv wenig fin­den ließ. Da lief halt Blues­rock oder Punk­rock oder Jazzrock…

Head­spin: Und was war es, was dich an fast welt­weit ange­spro­chen hat?

Jochen: Pop­mu­sik zu spie­len nach Punk­rock und nach der Neuen Deut­schen Welle. Quasi Leute, die schon über Punk­rock ange­fan­gen haben, Musik zu machen, aber dann nicht wie Sim­ple Minds oder die Ecke wei­ter­ge­macht haben, son­dern wie Style Coun­cil, Aztec Camera, Orange Juice, sowas. Dafür fin­det sich keine Lobby in Bie­le­feld und so habe ich das dann ken­nen­ge­lernt. Nach­dem ich Andreas von den Time Twis­ters ken­nen­ge­lernt habe, war ich dann auf ‘ner Party und bin quasi in diese Fami­lie auf­ge­nom­men wor­den. Die fast weltweit-​Leute hat­ten die ganze Zeit schon die­ses Stu­dio von Frank Wer­ner wo die gan­zen Sachen auf­ge­nom­men wur­den und mit dem fand dann so eine Über­le­gung statt, das ganze so Motown-​mäßig auf­zu­zie­hen, d.h. ein eige­nes Stu­dio, die Musi­ker tau­schen sich stän­dig unter­ein­an­der aus, also was weiß ich, Frank hat öfter Bass gespielt bei Sachen von Ber­na­dette oder spä­ter auch bei Der Fremde, ich habe bei Michael Girke was mit­ge­spielt,. Tho­mas Wen­zel, mit dem ich damals zusam­men­ge­spielt habe und der jetzt bei den Ster­nen ist, der hat auch bei Michael mit­ge­macht und so hat sich das stän­dig aus­ge­tauscht. […] Quelle: Skyey­e­li­ner – die Blumfeld-​Seite